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ältere Frau beim Nordic Walking

Drei zentrale Alterstheorien bis 1990: Aktivitäts-, Disengagement- und Kontinuitätstheorie

Aktivitätstheorie

Der alternde Mensch will sozial aktiv sein und strebt soziales Teilhaben an. Optimal altern könnten nur jene, die die Aktivitäten des mittleren Erwachsenenalters beibehalten und im Alter diese durch den Rückzug aus der Berufsrolle in andere erfüllende Rollen ersetzen können.

Die sozialen und psychischen Bedürfnisse ändern sich mit dem Altern nicht. Subjektives Wohlbefinden und Zufriedenheit stellen sich erst dann ein, wenn eine Person aktiv ist, etwas leistet und von anderen gebraucht wird. Es ist also ein ressourcenorientierter Ansatz, denn jedes Alter hat Potenziale, die es zu nutzen gilt, nur wer wirklich aktiv ist, ist zufrieden. Deshalb muss die Gesellschaft dafür sorgen, dass die Aktivität älterer Menschen anerkannt wird und sie nicht aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen und in eine zwangsweise Passivität gedrängt werden. Aktivitäten (Henry 1965) sind adaptiv, wenn sie gesellschaftlich toleriert würden und der selbstbezogenen, kontemplativen Entwicklung dienen.

Definition erfolgreichen Alterns nach Havighurst (1963): innerer Zustand der Zufriedenheit und des Glücks – dieser Zustand kann nur erreicht oder aufrechterhalten werden, wenn Aktivitäts- und Interaktionsmöglichkeiten auch nach dem Verlust von Beziehungen und Rollen vorhanden sind bzw. durch neue ersetzt werden.

Die ursprüngliche Fassung der Aktivitätstheorie stammt von Cavan, Burgess, Havighurst & Goldhamer (1949) und von Havighurst und Albrecht (1953). In den 1970er Jahren modifizierte die Aktivitätstheorie ihren Ansatz dahingehend, dass neben der Aktivität die soziale Eingebundenheit zu einer weiteren wichtigen Voraussetzung für Zufriedenheit im Alter wurde (Longio & Karl 1982). Letztere arbeiteten heraus, dass eine hohe Lebenszufriedenheit am höchsten mit informellen sozialen Aktivitäten mit Freunden, Verwandten oder Nachbarn und am wenigsten mit einsamen Aktivitäten korrelierte.

Kernaussage: Aktivität in verschiedenen sozialen Rollen und deren gesellschaftliche Anerkennung trägt zu einem positiven Selbstbild bei und dieses zu einer hohen Lebenszufriedenheit.

Disengagement-Theorie

Die Disengagement - Theorie vertritt die der Aktivitätstheorie entgegen gesetzte Position. Passive, häusliche Menschen altern bei Ermöglichung des Rückzugs zufriedener. Sowohl die gesellschaftliche Umwelt als auch das Individuum streben selbst mit zunehmendem Alter nach einem sukzessiven Rückzug aus sozialen Rollen und Aufgaben. Harmonisch laufe dieser Prozess dann ab, wenn er vom Betroffenen und der Gesellschaft angestrebt wird. Spannungen ergeben sich bei Inkongruenz, wenn sich die Gesellschaft, z.B. die Angehörigen, mit dem Wunsch nach vermehrten Kontakten durchsetzen. Das Gefühl des Gebrauchtwerdens entspringe lediglich dem Wunsch nach Sicherheit und Ordnung, weil Aktivität die Einstellung auf das Lebensende verhindere.

Da Krankheit und Tod des Individuums mit zunehmendem Alter immer wahrscheinlicher werden, reduziert die Bereitschaft zum Engagement älterer Menschen das „reibungslose Funktionieren“ gesellschaftlicher Organisationen.

Altern ist deshalb geprägt von "Disengagement", also dem Rückzug aus gesellschaftlichen Rollen, insbesondere durch die gesellschaftlichen Ruhestandsmechanismen und freiwilligem Rückzug des Individuums aus sozialen Verpflichtungen. Disengagement ist für das gesellschaftliche Funktionieren notwendig. Stimmen gesellschaftliche und individuelle Bereitschaft zum Disengagement überein, resultiert daraus eine hohe Lebenszufriedenheit.

Die ursprüngliche Fassung der Disengagement - Theorie stammt von Cumming & Henry (1961). Havighurst et al. (1964) relativierten die Theorie. Sie betonten, dass es um eine qualitative Umstrukturierung sozialer Rollen und Aktivitäten geht und nicht primär um die rein quantitative Abnahme. Lehr und Thomae (1987) stellten in der Längsschnittstudie „BOLSA“ fest, dass die Bevorzugung von Aktivität oder Disengagement vor allem von dem Gesundheitszustand, der individuellen Lebenssituation und den noch vorhandenen Ressourcen, Kompetenzen und Potentialen abhängig ist und dazu sich in differenzierten Lebensbereichen unterscheiden können. Eine globale Korrelation zwischen der Rollenaktivität und der Lebenszufriedenheit kann nicht nachgewiesen werden.

Kernaussage: Freiwilliger Rückzug aus gesellschaftlichen Rollen und Aktivitäten ist ein Sicherheitsbedürfnis älterer Menschen und zieht eine positive Lebenszufriedenheit nach sich.

Kontinuitätstheorie

Die Kontinuitätstheorie stellt eine Mittlerrolle zwischen der Disengagement - Theorie und der Aktivitätstheorie dar, so dass sie mit diesen beiden immer wieder in Verbindung gebracht (vgl. Kruse & Wahl 2010) wird. Sie beruht vor allem auf dem Entwicklungskonzept von Erikson (1982) und sollte daher auch als eine Entwicklungstheorie betrachtet werden.

Es wird das Bedürfnis nach „innerer- und äußerer- Kontinuität“ im Lebenslauf hervorgehoben, weil die Erhaltung innerer und äußerer Strukturen den sichersten Weg darstelle, den Alternsprozess zu meistern sowie Wohlbefinden und soziale Integration aufrecht zu erhalten. Die innere Kontinuität beziehe sich auf die Fortdauer der Selbsterhaltung und der Individualität, die sich in ihren Persönlichkeitseigenschaften, Emotionen, Vorlieben, Einstellungen, Ideen, also dem Habitus eines Individuums zeige (Lehr 2007). Die äußere Kontinuität meint hingegen die kognitive Repräsentation der sozialen und räumlichen Umwelt, mit der eine Person in Beziehung steht (vgl. Thomae 1971).

Insbesondere gehe es darum, eine gelungene Adaption beider Kontinuitäten beim Übergang vom mittleren ins späte Erwachsenenalter zu erhalten, also regulative Aktivitäten, die bereits in früheren Lebensabschnitten wirksam werden konnten, um eine Balance der Selbstsicherung herzustellen. Allerdings sei die Aktivität wichtig für die Kompetenzerhaltung und Gesundheit. Die Anpassungsleistungen im Prozess der Alterung bestehen darin, innere und äußere Strukturen zu bewahren, die am besten durch eingeübte Strategien und Vertrauen in die Herausforderungen des Lebens gelängen. Die Kontinuitätsmerkmale einer Person sollten zur eigenen Identität als zugehörig empfunden und somit als ihr Spezifikum aufgefasst werden.

Robert C. Atchley hat diese Theorie 1989 in ihrer ursprünglichen Fassung entwickelt. Er geht von einem grundlegenden Bedürfnis jedes Menschen nach stabilen Rollenmustern aus, die sich als manifeste lebenslange Erfahrungen auch bei negativen Veränderungen oder Einschränkungen im Leben manifestieren, um die individuelle Kontinuität im Lebenslauf erhalten zu können.

Kernaussage: Die Aktivitäten und personalen Eigenschaften sind beim Übergang vom mittleren Erwachsenenalter in den Alterungsprozess beizubehalten und die innere und äußere Kontinuität zu bewahren.

Vergleichende Wertung von Aktivitäts-, Disengagement- und Kontinuitätstheorie

Auf individueller Ebene gilt die Disengagement-Theorie in ihrem allgemeinen Anspruch als widerlegt, ohne dass die Aktivitätstheorie bestätigt worden wäre. In der Studie von Kolland (1996) wurden die Lebens- und Aktivitätsstile im Alter hinsichtlich ihrer kulturellen Dimension (Konzert- Theaterbesuche etc.) untersucht. Danach entsprechen 61% der Befragten der Aktivitätstheorie, wobei er das chronologische Alter als weniger bestimmend beurteilte als die Bildung.

Die Ergebnisse wiesen einerseits auf die Gültigkeit der Aktivitätstheorie hin: Mit Abnahme der sozialen Interaktionen reduzierte sich das psychologische Wohlbefinden (Havighurst et al. 1968). Andererseits war die Beziehung zwischen Aktivität und Lebenszufriedenheit nur von schwacher bis mittlerer Stärke. Für den Prozess des Disengagements sprach, dass sich ein Rückgang des psychologischen sowie sozialen Engagements im Alter wiederholt gezeigt habe (Cumming & Henry 1961; Havighurst et al. 1968). Spätere Studien widerlegten die Disengagement-Theorie in wesentlichen Punkten – der beobachtete Rückgang des Engagements wurde als Artefakt identifiziert, da querschnittliche Altersunterschiede als Verlaufsprozesse gedeutet worden waren (Lehr & Rudinger 1970; Maddox 1965), des Weiteren schienen gesundheitliche Einschränkungen einen stärkeren Einfluss auf den Rückzug aus der Gesellschaft zu haben als das Alter per se (Maddox 1994). Und schließlich zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen zunehmender Aktivität und zunehmendem Wohlbefinden, der als wichtigster Beleg gegen die Adaptivität des Disengagements interpretiert wurde (Fröhlich, Becker, Bengtson & Bigot 1969; Havighurst, Munnichs, Neugarten & Thomae 1969; Lehr & Rudinger 1970), (sh. D.  Jopp 2002).

Relativierungen beider Positionen: Havighurst (1963): „compensatory engagement“; Lehr & Dreher (1969): vorübergehendes Disengagement. Lehr & Minnemann (1987): Beide Theorien können je nach den konkreten Rollen, der spezifischen Persönlichkeitsstruktur und der jeweiligen Lebenssituation zutreffend sein oder nicht. Insgesamt waren weder die Disengagement - Theorie noch die Aktivitäts- und Kontinuitätstheorie in der Lage, der Heterogenität der Alterung gerecht zu werden und schon gar nicht die individuellen Unterschiede herauszuarbeiten.

Keine der drei genannten Theorien konnte sich in ihrer Ausschließlichkeit durchsetzen, obgleich einzelne Elemente jeder Theorie in verschiedenen Studien nachgewiesen werden konnten. Insgesamt sind aber die empirischen Befunde nicht eindeutig und enthalten Widersprüche. Insbesondere unter dem Aspekt der Person – Umwelt – Passung erleben die drei Konzeptionen – Aktivität, Rückzug und Kontinuität – gerade in neueren Theorieansätzen eine Renaissance, die jetzt aber nicht mehr alternativ, sondern parallel – komplementär gefasst werden.

Literatur

Cumming, Elaine & William E. Henry, 1961. Growing old: The process of disengagement. New York Basic Books. ISBN 978-0-405-11814-2

Jopp, Daniela, 2003. Erfolgreiches Altern: Zum funktionalen Zusammenspiel von personalen Ressourcen und adaptiven Strategien des Lebensmanagements. FU Berlin.

Havighurst, Robert, J., 1963. Dominant concerns in the lifecycle. In L. Schenk-Danziger und H. Thomae, Hrsg. Gegenwartsprobleme der Entwicklungspsychologie. Göttingen: Hogrefe, S. 27–37. ISBN 978-3-642-87993-7

Havighurst, Robert J., Bernice L. Neugarten & Sheldon S. Tobin, 1968. Disengagement and patterns of aging. In B. L. Neugarten, Hrsg. Middle age and aging. Chicago IL: University of Chicago Press, S. 161–172. ISBN 978-0-226-57382-3

Henry, William E., 1965. Toward a theory of adult development. In: Robert, Kastenbaum, Hrsg. Contributions to the psychobiology of aging. New York: Springer, S. 19–35. ISBN 978-0-124-11469-2

Lehr, Ursula & Hans Thomae, Hrsg., 1987. Formen seelischen Alterns. Stuttgart: Enke. ISBN  978-3-825-20055-8

Lehr, Ursula & Georg Rudinger, 1970. Strukturen der sozialen Teilhabe im höheren Lebensalter. In: A. Störmer, Hrsg. Geroprophylaxe, Infektions- und Herzkrankheiten, Rehabilitation und Sozialstatus im Alter. Beihefte zur Zeitschrift für Gerontologie: 4.  Darmstadt: Steinkopff, S. 81–85. ISBN 978-3-798-50313-7

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Andrea Schiff, Hans-Ulrich Dallmann: Ethik in der Pflege. UTB (Stuttgart) 2021. 238 Seiten. ISBN 978-3-8252-5587-9.
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