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alter Mann mit Ball in der Hand

Biografiearbeit

Hintergrund

Biografiearbeit kann als zentraler methodischer Ansatz in der Altenarbeit betrachtet werden. Nach Ruhe (2014, S. 33) ist es eine strukturierte Form der Selbst- und Fremdreflexion in einem regelhaften professionellen Setting, einem professionell gestalteten oder einem intentional gesteuerten Umfeld. Es ist ein lebendiger Prozess der Reflexion und Verwandlung lebensgeschichtlicher Ereignisse, wodurch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben angeregt, Lebenserfahrungen geordnet oder auch Verarbeitungen problematischer Erlebnisse ermöglicht werden können. Insbesondere aber ist das Wissen über biografische Hintergründe wesentlich für Möglichkeiten einer individualisierten Förderung, Begleitung und Pflege von alten Menschen. Kurz gesagt, blickt Biografiearbeit „zurück in die Vergangenheit, um Ressourcen für die Gegenwart und Zukunft zu erkennen“ (Wickel, 2011, S. 254), auch wenn dies mit unterschiedlichen Intentionen und Ansätzen erfolgen kann. So hat biografisches Arbeiten verschiedene Traditionslinien, die mit Miethe (2011, S. 46ff.) vor allem in den Sozial- und Erziehungswissenschaften (z. B. Biografieforschung), der Psychologie und Psychotherapie (z. B. Psychoanalyse, Familientherapie) und der Geschichtswissenschaft (z. B. Oral History) verortet sind.

Für ein Verständnis von Biografiearbeit mit älteren und alten Menschen ist auch die begriffliche Unterscheidung von Biografie und Lebenslauf relevant. Während sich der Lebenslauf lediglich auf die zeitliche Abfolge zentraler biografischer Daten und Ereignisse bezieht, also der Chronologie des eigenen Lebens entspricht, umfasst die Biografie darüber hinaus auch die Bedeutungen, die diesen Angaben gegeben wird (Miethe 2011, S. 12f.). Es geht somit um eine Interpretation der Fakten, um eine Selektion besonderer Ereignisse aus dem Leben eines Menschen und damit darum, wie ein Mensch sein Leben erlebt (Schneberger, Jahn & Marino 2014, S. 52). Biografiearbeit nimmt dabei nicht nur das einzelne Individuum in den Blick, sondern ebenso die gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Gegebenheiten (Gudjons, Wagener-Gudjons & Pieper, 2008, S. 16). Das bedeutet, dass narrative Selbstkonstruktionen in einem hohen Maße durch das Soziale bestimmt sind (Hanses 2010, S. 252).

Dass Biografien „subjektive und bedeutungsstrukturierte Konstruktionen des individuellen Lebens“ (Miethe 2011, S. 21) sind, wird zudem an der Unterscheidung zwischen einer äußeren und inneren Biografie deutlich, wie sie etwa von Kerkhoff & Halbach (2002, S. 10) vorgenommen wird. Während sich die äußere Biografie auf die objektiven Geschehnisse und Veränderungen in einem Lebenslauf beziehen, fokussiert die innere Biografie auf die Wahrnehmung, Bewertung und Einordnung der verschiedenen Lebensereignisse (ebd.). Für das biografische Arbeiten in der Altenarbeit sind somit die Schlüsselereignisse und -erlebnisse der inneren Biografie von Interesse. Denn subjektiv bedeutsame und emotional geprägte Inhalte bleiben stärker im Gedächtnis verankert und können das Verhalten eines Menschen – auch etwa bei einer Demenz – beeinflussen (Schneeberger, Jahn & Marino 2014, S. 54). Diese Inhalte oder Themen gilt es daher zu eruieren und an den damit verbundenen Ressourcen anzuknüpfen. Die Kenntnis von Daten der äußeren Biografie kann jedoch auch Zugänge – etwa im Rahmen von Gesprächen – zur inneren Biografie ermöglichen.

Ziele und Umsetzung

Biografiearbeit kann in der Altenarbeit mit unterschiedlichen Entwicklungen und Zielstellungen verbunden werden. So stellt etwa Miethe (2011, S. 102) fest, dass sich Biografiearbeit mit älteren und alten Menschen zum einen aus Richtung der Altenbildung und zum anderen aus Richtung der Altenpflege entwickelt hat. Übertragen auf die hier unterschiedenen Handlungsfelder der Altenarbeit ist demnach von unterschiedlichen Zielsetzungen und methodischen Ansätzen in der offenen Altenarbeit gegenüber der Altenhilfe auszugehen, wenngleich es viele Überschneidungen gibt.

In der offenen Altenarbeit – etwa im Kontext von Angeboten einer Begegnungsstätte – dient Biografiearbeit vor allem der Verarbeitung früherer Erlebnisse (z. B. Fluchterfahrungen oder Kriegsereignissen) sowie aktueller Erfahrungen (z. B. Eintritt in den Ruhestand) und dem Erkennen sowie Entfalten neuer biografischer Möglichkeiten (z. B. Wahrnehmung wiederentdeckter oder neuer Interessen und Hobbies) (Miethe 2011, S. 103). Solche biografischen Perspektiven können hier dann in systematischen Settings und mit einer Vielzahl von Methoden der Biografiearbeit – wie z. B. Erzählcafés, Lebenscollagen, -bücher, -linien und -uhren aufgegriffen werden (vgl. z. B. Ruhe 2014, S. 149ff.; Miethe 2011, S. 105ff.). Gleichermaßen sind Biografiebezüge stets auch bei der Planung und Durchführung von anderen Angeboten, wie Freizeit-, Bildungs- oder Kulturangebote präsent, indem individuelle Hintergründe von den Teilnehmenden eingebracht oder von den Fachkräften bewusst berücksichtigt werden.

In der ambulanten, teilstationären und stationären Altenhilfe dient die Sammlung und das Wissen von bedeutsamen biografischen Hintergründen der Adressat_innen zunächst der Identifizierung von individuellen Wünschen und Bedürfnissen und damit einer angemessenen Unterstützung, Begleitung und Pflege der jeweiligen alten Menschen mit Hilfe- und Pflegebedarf. Daher werden relevante biografische Angaben auch im Rahmen der Dokumentation über Biografiebögen festgehalten und ggf. auch in anderen Bereichen der Pflegeplanung aufgegriffen bzw. damit verbunden. Wie Ruhe (2014, S. 126) festhält, bedarf es in Kontexten der Altenpflege oft der „kleinen Form“ biografiegestützer Arbeit – etwa „die freundliche Nachfrage beim Frühstück, das aufmerksame Betrachten des Familienfotos und die Unterstützung von lebenslang gepflegten Ritualen“ (ebd.). Im Rahmen von Angeboten des Sozialen Dienstes in Altenpflegeeinrichtungen können darüber hinaus auch geplante biografiebezogene Angebote durchgeführt werden, wie Erzählkreise und -cafés sowie Erinnerungsboxen oder auch Spielangebote, mit spezifischen Kommunikations- und Gedächtnisspielen, die darauf zielen, biografische Erinnerungen und Ressourcen zu wecken (vgl. z. B. Miethe 2011, S. 119f.). Zudem ist das Wissen über individuelle biografische Hintergründe wiederum für die Gestaltung und Durchführung aller Einzel- und Gruppenangebote der sozialen Betreuung von Bedeutung. Darüber hinaus ist hervorzuheben, dass Perspektiven biografiegestützer Arbeit wesentlicher Bestandteil etlicher Therapie- und Kommunikationsansätze bei Menschen mit Demenz sind: Therapieansätze wie die Reminiszenztherapie oder die Erinnerungspflege sind ausdrücklich damit begründet (vgl. z. B. MDS 2009, 132ff.) und auch Kommunikationsansätze wie die (Integrative) Validation verweisen auf die Bedeutung biografischer Bezüge (ebd., S. 118ff.). In diesen Ansätzen geht es dann in der biografieorientierten Begegnung mit Menschen mit Demenz nicht nur darum, eine verstehende und annehmende Haltung und Beziehung aufbauen zu können, sondern auch um Möglichkeiten zur Steigerung der Lebensqualität und zur Aufrechterhaltung von Selbstbild und Identität auf Basis lebensgeschichtlicher Erfahrungen, Gewohnheiten und Schlüsselthemen (Wickel 2011, S. 268).

Für die Umsetzung von Biografiearbeit können zunächst verschiedene Settings und Situationen unterschieden werden. So kann auch in der Altenarbeit sowohl mit einzelnen Personen als auch in der Gruppe biografisch gearbeitet werden (Ruhe 2014, S. 128ff.; Miethe 2011, S. 32ff.). Zudem lässt sich Biografiearbeit hierbei spontan oder geplant (Ruhe, 2014, S. 135ff.) einsetzen. Beispiele für spontane oder zufällige Zugänge in der Altenarbeit wären etwa das Zuhören und Beobachten im Kontakt mit dem alten Menschen, z. B. in Bezug auf Trophäen im Regal, Fotos in Bilderrahmen, Bilder an der Wand, Kleidung und Schmuck, Erlebnissen und Redewendungen (Kerkhoff/Halbach 2002, S. 69). Geplante bzw. bewusst gestaltete Ansätze der Biografiearbeit wären dann etwa Biografiegespräche, das Aufsuchen früherer Plätze, die Gestaltung eines Erinnerungsalbums sowie erinnerungsbezogene Gemeinschaftsspiele und Gruppengespräche (ebd.). So existiert zur konkreten Umsetzung von Biografiearbeit eine weitreichende Fülle an Vorschlägen von unterschiedlichen Methoden, Techniken und Instrumente (vgl. z. B. Burkhard 2014 S. 17ff. Ruhe 2014, S. 140ff. Schneeberger, Jahn & Marino 2014, S. 108ff.).

Literatur

Burkhard, Gudrun, 2014. Das Leben in die Hand nehmen: Arbeit an der eigenen Biographie. Praxis Anthroposophie. Stuttgart : Freies Geistesleben. ISBN 978-3-772-51217-9

Gudjons, Herbert, Birgit Wagener-Gudjons und Marianne Pieper, 2008. Auf meinen Spuren: Übungen zur Biografiearbeit. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt. ISBN 978-3-781-51600-7

Hanses, Andreas, 2010. Biographisches Wissen: heuristische Optionen im Spannungsfeld diskursiver und lokaler Wissensarten.In Birgit Griese (Hrsg.), Subjekt - Identität - Person? Wiesbaden: VS. ISBN 978-3-531-15947-8

Kerkhoff, Barbara und Anne Halbach, 2002. Biografisches Arbeiten. Beispiele für die praktische Umsetzung. Hannover: Vincentz. ISBN 978-3-878-70655-7

Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS) (Hrsg.), 2009. Grundsatzstellungnahme: Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen. Essen.

Miethe, Ingrid, 2011. Biografiearbeit. Lehr- und Handbuch für Studium und Praxis. Weinheim: Juventa. ISBN: 978-3-779-92241-4

Ruhe, Hans Georg, 2014. Praxishandbuch Biografiearbeit. Methoden, Themen und Felder. Weinheim und Basel: Beltz Juventa. ISBN 978-3-779-93154-6

Schneeberger, Margarete, Sonja Jahn und Elfriede Marino, 2014. „Mutti lässt grüßen…“. Biografiearbeit und Schlüsselwörter in der Pflege von Menschen mit Demenz. 3., aktualisierte Aufl.. Hannover: Schlütersche. ISBN 978-3-899-93244-7

Wickel, Hans Hermann, 2011. Biogra?earbeit mit dementiell erkrankten Menschen. In: Christina Hölzle & Irma Jansen (Hrsg.). Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen – Zielgruppen – Kreative Methoden. 2., durchgesehene Auflage. Wiesbaden: VS, S. 254-269. ISBN 978-3-531-92623-0

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