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älteres Paar lächelt sich an

Sozialraumorientierung

Hintergrund

Im Vergleich zu anderen methodischen Ansätzen bezieht sich Sozialraumorientierung nicht primär auf einzelne Adressat_innen oder Adressat_innengruppen, sondern auf räumlich abgegrenzte Gebiete und damit auf bestimmte Sozialräume, Gemeinwesen oder Wohnquartiere (Ehrhardt 2010, S. 123). Sozialraumorientiertes Arbeiten hat insbesondere in der Sozialen Arbeit eine lange Tradition, die dort in der Gemeinwesenarbeit verwurzelt ist. Nachdem die Gemeinwesenarbeit lange als dritte Methode – neben Einzelfallhilfe und sozialer Gruppenarbeit – betrachtet wurde, wird seit den 1980er gefordert, Gemeinwesenarbeit handlungsfeldübergreifend als leitendes Arbeitsprinzip zu betrachten. In dieser Sichtweise können gemeinwesenbezogene Arbeitsansätze auch mit Methoden der Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit verbunden werden (Wendt 2015, S. 301; Ehrhardt 2010, S. 124; Hinte & Kreft 2013, S. 879). Historisch wurden nicht nur verschiedene Strategien und Ansätze einer gemeinwesenbezogenen oder am Sozialraum orientierten Arbeit entwickelt, sondern auch unterschiedliche Begriffe – wie z. B. Stadtteilarbeit, Sozialraumorientierung, Quartiersmanagement – mit jeweils spezifischen theoretischen Grundlegungen und praktischen Ausrichtungen geprägt, die teils auch heute noch parallel verwendet werden (vgl. z. B. Oelschlägel 2013; Hinte & Kreft 2013; Faltermeier 2017; Mühlberg 2017; Budde & Früchtel 2017). Der hier verwendete Begriff der Sozialraumorientierung ist – im engeren Sinne – auf ein Fachkonzept der Sozialen Arbeit zurückzuführen, das ursprünglich im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe in den 1990er Jahre entwickelt und später auf weitere Handlungsfelder Sozialer Arbeit übertragen wurde (Hinte & Kreft 2013, S. 880f.; Galuske 2013, S. 300f.).

Auch in der Gerontologie sowie in der Fachpraxis der Altenarbeit sind raumbezogene Theorie- und Forschungsansätze (vgl. z. B. Saup 1993; Wahl, Mollenkopf & Oswald 1999) sowie Praxiskonzepte und -ansätze (vgl. z. B. Hummel 1988) durchaus nicht neu. Allerdings hat sozialraumorientiertes Handeln erst seit Ende der 2000er-Jahre spürbar an Bedeutung in den fachlichen Diskussionen der Altenpolitik und -arbeit gewonnen. Sozialraum- oder auch Quartiersorientierung ist hier stärker in den Fokus gerückt, weil damit maßgeblich dazu beigetragen werden soll, dass ältere und alte Menschen – auch bei Hilfe- und Pflegebedarf – möglichst lange selbstständig in ihrem vertrauten Wohnumfeld leben können (Michel-Auli 2011; S. 5).

Der Sozialraum bzw. das Quartier wird dabei als überschaubare Wohnumgebung verstanden und bezieht sich zugleich auf den sozialen Nahraum, mit dem sich die Menschen vor Ort identifizieren. Zur Bestimmung eines Sozialraums gibt es keine fixen Flächen- oder Einwohner_innen-Angaben. Es wird aber davon ausgegangen, dass Sozialräume nicht mehr als 20.000 Einwohner_innen umfassen sollten, wenn sie als sozialer Identifikationsraum verstanden werden. Richtet sich der Blick auf den direkten sozialen Nahraum sind die Sozialraumgrößen deutlich kleiner und es kann von einem Umfang zwischen 3.000 und 5.000 Einwohner_innen ausgegangen werden. Im ländlichen Raum können auch kleine Dörfer mit ein paar Hundert Einwohner_innen als Sozialraum betrachtet werden (Mehnert & Kremer-Preis 2014a, S. 2). 

Der Begriff des Sozialraums bringt somit ein bestimmtes räumliches Gebiet mit dem sozialen Handeln der Menschen in Verbindung, so dass bei Analysen von Sozialräumen sowohl die vorhandene bauliche und infrastrukturelle Umwelt als auch die lebensweltlichen Nutzungsweisen der dort lebenden Menschen in den Blick genommen werden (van Rießen, Bleck & Knopp 2017; Bleck, van Rießen & Knopp 2013). In der Fachpraxis der Seniorenarbeit und Altenhilfe sowie in der Gerontologie und Altenpolitik wird neben dem Begriff des Sozialraums ebenso und oftmals analog dazu der Terminus des Quartiers verwendet (vgl. z.B. Kremer-Preiß & Stolarz 2004, S. 11; KDA 2011).

Ziele und Umsetzung

Sozialraumorientiertes Arbeiten in der Altenarbeit zielt demnach nicht auf die Besserung der Versorgungslage von einzelnen Menschen, sondern ist darauf gerichtet, die „Besonderheiten des sozialen Nahraums – das Dorf, die Gemeinde, den Stadtteil, das Quartier – zu erkunden und raumspezifische, kleinteilige, dezentrale Lösungsansätze zu suchen. Dabei sind keine Standardlösungen gefragt, sondern Lösungen, die sich auf die örtlichen Gegebenheiten beziehen und Kenntnisse über die Besonderheiten vor Ort mit einbeziehen“ (Mehnert & Kremer-Preis 2014b, S. 3). Dabei ist sozialräumliches Arbeiten davon geleitet, dass die Analyse und Verbesserungen der Lebensbedingungen vor Ort unter aktiver Beteiligung der betroffenen Menschen durchgeführt sowie in der Kooperation zwischen verschiedenen Institutionen und Akteur_innen erreicht werden (ebd.; Hinte & Kreft 2013, S. 880).

So kann festgehalten werden, dass Sozialraum- bzw. Quartiersorientierung in der Altenarbeit eine professionell begleitete, aber so weit wie möglich partizipativ gestaltete Verbesserung der Lebensbedingungen von älteren und alten Menschen in ihrem Sozialraum bzw. Quartier intendiert. Maßgebliche Elemente für sozialraumorientiertes Arbeiten in Institutionen der Altenarbeit sind hierfür (Bleck u. a. 2018; für die Beispiele siehe auch Mehnert & Kremer-Preis 2014, van Rießen & Bleck 2013):

  • ein sozialräumlicher Blick und eine reflexive räumliche Haltung in Bezug auf Handlungsvoraussetzungen und -bedingungen im Sozialraum (z. B. durch eigene Beobachtungen und Begehungen im Sozialraum),
  • die Orientierung an den Interessen und Perspektiven der älteren und alten Menschen im Sozialraum (z. B. durch Bürger_innenforen, Workshops),
  • die Analyse baulicher und infrastruktureller Bedingungen und lebensweltlicher Nutzungen und Beziehungen älterer und alter Menschen im Sozialraum (z. B. durch Analyse von Strukturindikatoren mit Checklisten sowie durch partizipative sozialräumliche Methoden wie Nadelmethode, Stadtteilbegehung, subjektive Landkarten, Sozialraumtagebücher),
  • die Kooperation und Vernetzung mit relevanten Institutionen des Sozial- und Gesundheitswesens sowie weiteren Schlüsselinstitutionen und -personen des Alltagslebens im Sozialraum (z. B. durch institutionelle Netzwerkanalysen, Runde Tische, interorganisationale Netzwerke im Sozialraum),
  • die Öffnung der Institution der Seniorenarbeit und Altenhilfe zum Sozialraum und die Beteiligung der Bewohner_innenschaft des Sozialraums (z. B. durch Öffnung der Angebote für Bewohner_innen des Sozialraums, Angebote im Sozialraum).

Literatur

Bleck, Christian, Anne van Rießen und Reinhold Knopp, 2013. Der Blick Älterer auf 'ihr Quartier'. Methoden und Instrumente für die sozialräumliche Arbeit mit älteren Menschen. In: Sozialmagazin 38. Jg., 5-6/2013. Weinheim: Beltz Juventa, S. 6 - 17.

Bleck, Christian, Anne van Rießen und Thorsten Schlee. 2018. Sozialraumorientierung in der stationären Altenhilfe. Aktuelle Bezüge und zukünftige Potentiale. In: Bleck, C., Anne van Rießen & Reinhold Knopp, Hrsg.: Alter und Pflege im Sozialraum. Theoretische Erwartungen und empirische Bewertungen. Wiesbaden: VS. S. 225-247. ISBN 978-3-658-18012-6

Hummel, Konrad, 1988. Öffnet die Altersheime! Gemeinwesenorientierte, ganzheitliche Sozialarbeit mit alten Menschen. Weinheim: Edition Sozial Beltz. ISBN:  978-3-407-55612-7

Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA), 2011. Was sind alternsgerechte Quartiersprojekte? Bausteine und Umsetzungsverfahren. Köln. Auf: http://www.kda.de/tl_files/kda/PDF-Dateien/2011_Folder_Quartier_web.pdf  [Zugriff: 15.09.2017].

Mehnert, Thorsten und U. Kremer-Preis, 2014a. Ist-Analysen im Quartier. Handreichung im Rahmen des Förderbausteins 3.1.1 „Projekte mit Ansatz zur Quartiersentwicklung“ des Deutschen Hilfswerks. Köln: Kuratorium Deutsche Altershilfe.

Mehnert, Thorsten und Ursula Kremer-Preis, 2014b. Hintergrundinformation zum Förderbaustein 3.1.1 „Projekte mit Ansatz zur Quartiersentwicklung“ des Deutschen Hilfswerks. Köln: Kuratorium Deutsche Altershilfe.

Michel-Auli, Peter, 2011. Quartiersentwicklung. Ziele, Verantwortlichkeiten und politischer Handlungsbedarf. Köln: KDA.

Michell-Auli, Peter und Christine Sowinski, 2012. Die fünfte Generation: KDA-Quartiershäuser – Ansätze zur Neuausrichtung von Alten- und Pflegeheimen. Köln: KDA.

Saup, Winfried, 1993. Alter und Umwelt. Eine Einführung in die ökologische Gerontologie. Stuttgart, Berlin und Köln: Kohlhammer. ISBN: 978-3-170-12327-4

van Rießen, Anne und Christian Bleck, 2013. Zugänge zu ‚Möglichkeitsräumen für Partizipation’ im Quartier? Erfahrungen mit sozialräumlichen Methoden in der Arbeit mit Älteren. In: sozialraum.de, 1/2013.

van Rießen, Anne, Christian Bleck und Reinhold Knopp, 2018. Sozialräumliche Perspektiven in pflegerischen Kontexten des Alterns. Eine Hinführung. In: Christian Bleck, Anne van Rießen und Reinhold Knopp, Hrsg. Alter und Pflege im Sozialraum. Theoretische Erwartungen und empirische Bewertungen. Wiesbaden: VS, S. 1-15. ISBN 978-3-658-18012-6

Wahl, Hans-Werner, Heidrun Mollenkopf und Frank Oswald, Hrsg., 1999. Alte Menschen in ihrer Umwelt: Beiträge zur ökologischen Gerontologie. Wiesbaden: Westdeutscher. ISBN: 978-3-322-90684-7

Aktuelle Rezension

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Andrea Schiff, Hans-Ulrich Dallmann: Ethik in der Pflege. UTB (Stuttgart) 2021. 238 Seiten. ISBN 978-3-8252-5587-9.
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