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älteres Paar lächelt sich an

Case Management

Hintergrund

Der Ansatz des Case Managements ist Ende der 1970er Jahre in den USA entstanden (Ehrhardt 2010, S. 79) und wird seit Ende der 1980er Jahre im deutschsprachigen Raum als methodischer Ansatz aufgegriffen (hier auch als Unterstützungsmanagement oder Fallmanagement bezeichnet), der als Weiterentwicklung der klassischen Einzelfallhilfe betrachtet wird. Case Management gilt als methodische Reaktion auf die veränderten Bedingungen komplexer Problemlagen sowie zunehmender Differenzierung und Spezialisierung sozialer und gesundheitlicher Dienstleistungen, aber auch auf die mangelnde Kooperation und Vernetzung von Fachkräften (Ehrhardt 2010, S. 79, Galuske 2013, S. 200). Sie ist zu einer methodischen Neuorientierung in der Sozialen Arbeit und im Gesundheitswesen geworden, die auf den Einzelfall diskret ausgerichtet ist, die von unterschiedlichen Personen und in diversen Settings angewendet wird (Ewers & Schaeffer 2005, S. 27). Inzwischen hat sich Case Management von einem methodischen Ansatz der Sozialen Arbeit zu einem Instrumentarium entwickelt, das fachgebiets- und handlungsfeldübergreifend eingesetzt wird, um ein koordiniertes und kooperatives Vorgehen in der personenbezogenen Bearbeitung von Aufgaben und Bearbeitung von Herausforderungen zu erreichen und Adressat_innen alltagsnah und pragmatisch zur Seite zu stehen (Wendt 2010, S. 217).

Case Management als Verfahren ist auch mit Care Management verbunden, welches im engeren Sinne die betrieblichen Abläufe und das Versorgungshandeln auf Ebene der Institutionen sowie im weiteren Sinne das staatlich zu verantwortende Management sozialer und gesundheitlicher Dienstleistungen bezeichnet Der Handlungsansatz ist zugleich ein Programm, nach dem Leistungsprozesse in einem System der Versorgung und in einzelnen Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens effektiv und effizient gesteuert werden sollen (Wendt 2015, S. 258).

Ziele und Umsetzung

Ein wesentliches Ziel von Case Management ist, in den bereits angedeuteten unterstützenden, koordinierenden und kooperierenden Prozessen regelmäßig mehrere Netzwerkpartner_innen (Adressat_in, Angehörige, Dienstleister, Kostenträger usw.) zu vereinen, um die Grenzen von einzelnen Organisationen und Professionen zu überwinden. Es ist somit ein Verfahren der Fall- und Systemsteuerung, bei dem ein/e Case Manager_in über eine bestimmte Zeitspanne oder den gesamten Beratungsverlauf hinweg die Verantwortung für die Koordination der Versorgung eines Einzelnen übernimmt. Es zeichnet sich durch eine ressourcenorientierte Haltung gegenüber den Adressat_innen aus, dessen Autonomie respektiert und der in der Entfaltung des eigenen Potentials unterstützt wird (Thiele 2017, S. 3). 

Aufgabe ist es, ein zielgerichtetes System der Zusammenarbeit zu organisieren, zu kontrollieren und auszuwerten, das am konkreten Unterstützungsbedarf des älteren Menschen ausgerichtet ist, wobei diese konkret zu beteiligen sind.

Case Management verläuft nach einem bestimmten Design, das in der Regel mit der/dem Adressat_in und/oder dessen Angehörigen/Betreuer_in ausgearbeitet wird und z. B. nach den sechs folgenden Phasen differenziert werden kann:

  1. Erfassung der Aufgabenstellung,
  2. Einschätzung der notwendigen Hilfeleistungen,
  3. Planung der Dienstleistungen,
  4. Vermittlung der Unterstützung,
  5. Koordination der Dienstleistungen im Hinblick auf das angestrebte Ziel und
  6. Kontrolle und Auswertung der Dienstleistungen.

Die Erfassung der Ressourcen und Bedarfe der/des Adressat_in, die Entwicklung eines Unterstützungsmanagements nach Diskussion und Abstimmung der angestrebten Ziele und letztlich die Mobilisierung des Netzwerkes sind die wesentlichsten Aufgaben.

Zur Vermeidung personeller und zeitlicher Versorgungsengpässe ist der/die Case Manager_in auch dann zentral, wenn von der häuslichen oder stationären Pflege aus ein Krankenhausaufenthalt erforderlich ist. Versicherte haben Anspruch auf ein Versorgungsmanagement insbesondere zur Lösung von Problemen beim Übergang in die verschiedenen Versorgungsbereiche (§ 11 Abs. 4 SGB V). Einbezogen ist auch die fachärztliche Anschlussversorgung. Die betroffenen Leistungserbringer sorgen für eine sachgerechte Anschlussversorgung des Versicherten und übermitteln sich gegenseitig die erforderlichen Informationen. Da gerade bei älteren Menschen die Zeit der Rekonvaleszenz länger und oft mit Problemen behaftet ist, ist ein gut geplantes Übergangsmanagement sowohl bei der Einweisung in ein Krankenhaus und danach wieder zurück, notwendig.

Voraussetzung zur Durchführung eines umfassenden Case Managements insbesondere in der Altenarbeit ist die Anwendung eines einheitlichen Assessment-Instrumentariums. Inhalt dieser Assessment-Instrumentarien ist die Erfassung von Ressourcen, Voraussetzungen und Bedarfen der Betroffenen auf verschiedenen Ebenen (medizinische, kognitive, soziale) unter anderem durch standardisierte Verfahren (z. B. Barthel-Index oder Minimental Scale). Die Umsetzung der im Assessment identifizierten Erfordernisse in Form von Funktionstherapien, Beratungen und weiteren konkreten Hilfen hängt von der jeweiligen personellen Ausstattung der durchführenden Institution ab (Klaes & Schüler 2004, S. 62 -63).

In der stationären Versorgung innerhalb des Krankenhauses liegt der Schwerpunkt zunächst auf der „Internen Steuerung“ und ist auf die möglichst optimale Gestaltung des klinischen Versorgungsverlaufs ausgerichtet. Der Case Manager steuert den Krankenhausaufenthalt, bereitet ihn vor, kontrolliert die Durchführung und leitet ggf. die erforderliche Nachversorgung ein (DGCC Fachgruppe Gesundheit und Pflege 2013, S. 2).

Das zentrale Ziel des Case Managements besteht in der Verbesserung der Versorgungssituation von älteren Menschen aus der Perspektive ihrer Lebenswelt. Die Kenntnisse der individuellen Lebenswelt werden nicht benötigt, um Kontrolle über sie zu haben und sie abhängig zu machen, sondern um ihnen zu helfen, Gestaltungs- und Kommunikationsfähigkeiten für sich und ihr Leben mit eingeschränkter Gesundheit zu stärken. Hier kann auch das sogenannte Patientencoaching ansetzen. Es ist eine Dienstleistung, die es Patient_innen ermöglichen soll, sich durch Information, Beratung und Organisationsleistung effektiv und effizient im Gesundheitswesen zu bewegen. Das Coaching umfasst dabei die Berücksichtigung des beruflichen und privaten Bereiches sowie die Einbindung des sozialen Umfeldes der Patienten. Es zeichnet sich durch eine ressourcenorientierte Haltung gegenüber der/dem Adressat_in aus, dessen Autonomie respektiert und der in der Entfaltung des eigenen Potenzials unterstützt wird. Sowohl der/die Patientencoach_in als auch der/die Case Manager_in agieren innerhalb des Gesundheitswesens mit Schnittstellenfunktion innerhalb der Leistungserbringer. Allerdings ist er/sie auf die Gegebenheiten des Krankenhauses spezialisiert, während der/die Patientencoach_in seinen Schwerpunkt in der Begleitung des Patienten und der Verbesserung seiner Lage hat (Weatherly et al. 2012, S. 80). In der Arbeit mit hochaltrigen hilfe- und pflegebedürftigen Menschen beziehen sich die Angebote und Prozesse der Unterstützung, Begleitung, Schulung und Begleitung jedoch häufiger auch auf die Angehörigen der Adressat_innen (Wendt 2010, S. 222).

Gerade weil sich die Methode des Case Managements an die ständig wechselnden Rahmenbedingungen, Gesetzesvorgaben und organisatorischen sowie strukturellen Bedingungen anpassen muss, ist sie für die komplexe Lösung rehabilitativem und pflegerischem Bedarf exponiert geeignet.

Das Entlastungsmanagement im Krankenhaus findet in enger Kooperation mit dem Sozialdienst statt oder durch diesen selbst statt. Der/die Case Manager_in terminiert Leistungen, kontrolliert die zeitgerechte Durchführung und erkennt die Probleme im Versorgungsverlauf. Ihm obliegt bei diesem Modell die Prozessverantwortung. Er steuert die prästationäre, stationäre und poststationäre Versorgung (meistens) für alle Patienten einer Abteilung. Der Rahmenvertrag über ein Entlassmanagement beim Übergang in die Versorgung nach Krankenhausbehandlung nach § 39 Absatz 1a Satz 9 SGBV ist seit dem 01.10.2017 in Kraft.

Die Planung der Entlassung beginnt mit der Aufnahme ins Krankenhaus und zielt auf eine sichere und nachhaltige Nachversorgung ab, um unnötige Wiederaufnahmen zu vermeiden. Anders als beim internen Case Management stehen nicht so sehr die unmittelbaren medizinischen Leistungen im Mittelpunkt, sondern die individuellen psychosozialen Auswirkungen einer Erkrankung oder ihrer Behandlung (Thiele 2017, S. 3)

Literatur

Klaes, Lothar und Gerhard Schüler, 2004. Altenhilfestrukturen der Zukunft: Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung zum Bundesmodellprogramm. Bonn: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. ISBN 3-89918-130-1

Ehrhardt, Angelika, 2010. Methoden der Sozialen Arbeit. 2. Auflage. Schwalbach: Wochenschau Verlag. ISBN 978-3-89974-476-7

Ewers, Michael und Doris Schaeffer, 2005. Case Management in Theorie und Praxis. 2. Auflage. Bern: Verlag Hans Huber. ISBN: 978-3-45684-272-1

DGCC Fachgruppe Gesundheit und Pflege, 2013. Positionspapier der FG Gesundheit und Pflege zum Case Management im Krankenhaus [online]. [Zugriff am: 23.01.2018]. Verfügbar unter: https://www.dgcc.de/wp-content/uploads/2013/06/130812_Positionspapier_CM_Krankenhaus_FG_Gesundheit-und-Pflege.pdf

Thiele, Gisela, 2017: Soziale Arbeit. In: Wolfgang Heiß, Hrsg. Altersmedizin aktuell Interdisziplinäre geriatrische Versorgung. 46. Auflage. Landsberg: Ecomed., S. 3 - 5. ISBN
978-3-609-10370-9

Weatherly, Jeffrey N., Richard A. Wise und Adam Derenne, 2012. Probability discounting of legal and non-legal outcomes. In: Behavior and Social Issues, 21, S. 165 – 187 DOI: http://dx.doi.org/10.5210/bsi.v21i0.4183

Wendt, Peter-Ulrich, 2015. Lehrbuch Methoden der Sozialen Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-779-9448-43

Wendt, Wolf Rainer, 2010. Care und Case Management. In: Aner, Kirsten/Karl, Ute, Hrsg. Handbuch Soziale Arbeit und Alter. Wiesbaden: VS, S. 215-222. ISBN 978-3-531-15560-9

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