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alter Mann mit Ball in der Hand

Sozio-emotionale Selektivitätstheorie (SST) nach Carstensen 1983

26.04.2022 | Gisela Thiele

Die sozioemotionale Selektivitätstheorie ist eine Lebensspannungstheorie der Motivation, ein entwicklungspsychologisches Konzept, nach dem ältere Menschen die ihnen verbleibende Zeit als begrenzt wahrnehmen, wobei sie dennoch verstärkt motiviert sind, ein hohes Wohlbefinden zu erreichen. Es wird die Auswirkung einer altersabhängigen Veränderung der Zukunftsperspektive auf die soziale Motivation und die Beziehungsqualität betrachtet. Nach der sozioemotionale Selektivitätstheorie nehmen Kontakt und Netzwerkpartner im Alter zwar ab, die Qualität der Beziehungen steigt aber. Es werdenPräferenzen entwickelt mit wem man die Zeit verbringen möchte. Über die Lebensspanne hinweg verschieben sich die Prioritäten hinsichtlich sozialer Interaktionen, indem Menschen einerseits ihr soziales Umfeld aktiv verändern und sich andererseits an die gegebenen Veränderungen anpassen (Carstensen 2005/2006). Generell findet eine Selektion auf wichtige, emotional positive Beziehungen statt, die auf einer Maximierung von Unterstützung basiert und auf negative Beziehungen verzichtet. Menschen investieren Zeit und Energie in ausgewählte soziale Interaktionen, wodurch Kontakt und Netzwerkpartner*innen im Alter zwar abnehmen, (Frieder 2011 S. 83).

Der alte Mensch gestaltet seine Kontakte so, dass er den größtmöglichen emotionalen Nutzen aus den Beziehungen ziehen kann, wodurch er den Bedingungen der Umwelt nicht ausgeliefert ist, sondern sein soziales Netz eigenständig und aktiv selbst gestaltet aktiv. Altern ist mit der Motivation verbunden, emotionalen Sinn aus dem Leben abzuleiten, aber mit abnehmender Motivation, den eigenen Horizont zu erweitern. Diese Veränderungen führen zu Altersunterschieden bei sozialen und ökologischen Entscheidungen (mit vorangegangener Regulierung der Emotionen), der Bewältigung (reaktionsorientierten Regulierung) und der kognitiven Verarbeitung positiver und negativer Informationen (Löckenhoff 2004. S. 1456).

Carstensen argumentiert, dass es im Laufe der menschlichen Entwicklung zu fundamentalen Verschiebungen motivationaler Kräfte kommt, die von der Art der Zukunftsperspektive und nicht vom kalendarischen Alter ausgehen. Persönliche Ziele werden immer im zeitlichen Bezug gesetzt. Je ausgedehnter die Zukunftsperspektive ist, desto eher rückt das Motiv der Informationssuche in den Vordergrund und treibt die Entwicklung an und es wird nach neuen Entwicklungsfortschritten gesucht. In der Folge werden vielfältige Entwicklungswege beschritten und die Lebensmöglichkeiten auf vielfachen Wegen aktiv exploriert und mit Information aufgeladen. Wird die Zukunft aber als begrenzt wahrgenommen, was vor allem im höheren Lebensalter der Fall ist, konzentrieren sich die Aktivitäten auf die Sorge nachfolgender Generationen und dem Wunsch, auch im Alter noch gebraucht zu werden. Das begünstigt den Prozess des gesunden Alterns und ein auf Wohlergehen gerichtetes Leben.

Die Theorie konzentriert sich auf zwei Arten von Zielen, die Individuen motiviert sind zu erreichen. Wissensbasierte Ziele zielen auf Wissenserwerb, Karriereplanung, die Entwicklung neuer gesellschaftlicher Beziehungen und andere Anstrengungen ab, die sich in Zukunft auszahlen werden (Neumann 2022, S. 112). Emotionsbezogene Ziele zielen auf Emotionsregulierung, das Streben nach emotional erfreulichen Interaktionen mit den Sozialpartnern ab, deren Nutzen in der Gegenwart verwirklicht werden kann.

Kernaussage: Stressfreie und emotional tiefgreifende Beziehungen, die als wertvoll für den älteren Menschen eingeschätzt werden, sind zur Emotionsregulierung wichtiger als objektiv erlebte Bedingungen der Lebenslage.

Literatur:

Carstensen, Laura L. (2006). Der Einfluss des Zeitgefühls auf die menschliche Entwicklung. Science. 312 (5782): 1913-1915. PMID: 16809530.

Carstensen, Laura L.; Mikels, Joseph A. (2005). An der Schnittstelle von Emotion und Kognition. Altern und der Positivitätseffekt. Aktuelle Richtungen in der Psychologie. 14 (3): 117. PMC: 2790864.

Neumann, Katrin (2022). Die 5 Säulen der emotionalen Intelligenz - Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben, harmonischen Beziehungen und beruflichem Erfolg. ISBN 979-8417057793.

Lang, Frieder R., Martin, Mike und Pinquart, Martin (2011). Entwicklungspsychologie – Erwachsenenalter. Hogrefe Verlag Göttingen. ISBN 978-3-8017-2186-2

Lang, F. R. und Carstensen, Laura L. (2015). Time counts: Future time perspective, goals and social relationships. Psychology and Aging 17 (1) , S. 125-139. ISBN 2162-5336

Löckenhoff, Corinna E., Carstensen, Laura L. (2004).Theorie der sozioemotionalen Selektivität, Altern und Gesundheit: Das zunehmend heikle Gleichgewicht zwischen der Regulierung von Emotionen und dem Treffen schwieriger Entscheidungen. Journal of Personality, 72 (6), S. 1395-1424. ISSN: 0022-3506.

Zitiervorschlag

Thiele, Gisela. Sozio-emotionale Selektivitätstheorie (SST) nach Carstensen 1983 [online]. altenarbeit.info Theorien. Bonn: altenarbeit.info, [Zugriff am aktuelles Datum]. Verfügbar unter: https://www.altenarbeit.info/sozio-emotionale-selektivitaetstheorie-(sst)-nach-carstensen-1983.html.

 

Zitiervorschlag
Thiele, Gisela, 2022. Sozio-emotionale Selektivitätstheorie (SST) nach Carstensen 1983 [online]. Altenarbeit.info. Bonn: socialnet GmbH, [Zugriff am: 03.10.2022]. Verfügbar unter: https://www.altenarbeit.info/sozio-emotionale-selektivitaetstheorie-(sst)-nach-carstensen-1983.html

Aktuelle Rezension

Buchcover

Thomas Hax-Schoppenhorst, Jürgen Georg (Hrsg.): Ungewissheit und Unsicherheit durchleben. Hogrefe AG (Bern) 2022. 256 Seiten. ISBN 978-3-456-86205-7.
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