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ältere Frau beim Nordic Walking

Verletzlichkeits- und Potenzialanalyse nach Kruse 2017

Altern wird als ein Prozess beschrieben, der sich allmählich, fließend und kontinuierlich entwickelt. Altern kann aber auch gestaltet werden, wobei genetische Faktoren, die Gesundheit, Offenheit und soziale Bedingungen einen Einfluss darauf haben.

Die Zunahme an Beeinträchtigungen auf verschiedenen Ebenen können als erhöhte Verletzlichkeit gedeutet werden, was aber nicht gleichbedeutend mit Gebrechlichkeit ist, denn letztere ist Folge ersterer. Verletzlichkeit meint hier die erhöhte Anfälligkeit und Verwundbarkeit sowie das deutliche Hervortreten von Schwächen bei verringertem Potenzial zur Abwehr und Kompensation. Die objektiv messbare und subjektiv erlebte Verletzlichkeit tritt zu interindividuell unterschiedlichen Zeitpunkten auf.

Mit höherem Lebensalter rückt die Conditio humana – die grundsätzliche Verwundbarkeit – stärker ins Zentrum. Infolge graduell zunehmender Verluste ist es erforderlich, die Versorgungssysteme, die räumliche, soziale und infrastrukturelle Umwelt und schließlich die gegebene Lebenslage so zu gestalten, dass sie älter werdende Menschen vor den Folgen erhöhter Verletzlichkeit schützt und nicht weiter steigert. Zur Umwelt gehört die Dienstleistungs- und Versorgungsstruktur – Möglichkeiten der Teilhabe, des Austauschs, der Anregung, der Ressourcennutzung und der Potenzialverwirklichung – also die variable Gestaltung des Alltags.

Auch die rechtliche Umwelt ist bedeutend – und zwar insofern als die Gesetzgebung die erhöhte Verletzlichkeit berücksichtigt. Gesetze zielen darauf ab, bestimmte Formen und Grade der Verletzlichkeit durch Gesundheitsförderung und Prävention zu vermeiden, bestehende Verletzlichkeit durch Rehabilitation und Pflege zu lindern und dabei gleichzeitig deren Bewältigung und Verarbeitung zu fördern.

Die Grade und Arten der Verletzlichkeit, der Zeitpunkt, an dem sich diese erkennbar erhöht, werden durch die objektiv gegebenen Lebensbedingungen beeinflusst – und zwar nicht durch die gegenwärtigen, sondern auch durch die in früheren Lebensjahren. Wichtig ist das bessere Verständnis der seelisch-geistigen, psychischen und sozioemotionalen Kräfte und Stärken des Alterns und der Rahmenbedingungen, die sowohl die Erhaltung als auch die Weiterentwicklung dieser begünstigen.

Entwicklungspotenziale sind immer aus einer Doppelperspektive zu betrachten:

  1. waren die Selbstgestaltungsmöglichkeiten in der Biografie so beschaffen, dass auch im höheren Alter Entwicklungspotenziale erkennbar sind, und wenn ja, welche Potenziale sind das,
  2. finden sich mit zunehmendem Alter Strukturen, die die Verwirklichung dieser Potenziale fördern? Liegt in Grenzsituationen und –erfahrungen, die zur Klarheit der eigenen Existenz beitragen, auch ein Potenzial zu weiterer Entwicklung? Wo liegen – neben den Anforderungen und Belastungen – Herausforderungen, Chancen und Möglichkeiten, die den Menschen motivieren, Potenziale, die es gilt, herauszufordern?

Obgleich mit zunehmendem Alter vergleichsweise mehr Entwicklungsverluste und weniger Entwicklungsgewinne erfahren und antizipiert werden, ebenso die Auftrittswahrscheinlichkeit verschiedenartiger Verluste erhöht sind, sind Ältere dennoch nicht unzufriedener als in früheren Lebensjahren. Dieses nach Staudinger (2000) sogenannte „Zufriedenheitsparadoxon“ gründet sich auf eine bestimmte Widerstandskraft oder Resilienz. Resilienz ist eine spezifische Form der Plastizität (Staudinger et. al 1995) und zwar deshalb, weil angesichts zunehmender Verluste des Selbst neue Anpassungsleistungen erforderlich sind, die das Individuum besonders herausfordern, die aber – im Falle erfolgreicher Anpassung – zugleich die produktiven oder kreativen Kräfte des Selbst verdeutlichen. Diese Kräfte sind zum einen in einer Neuverteilung psychischer Energien auf verschiedene Lebensbereiche zu sehen – gesundheitlicher- oder Alltagsbereich – zum anderen spiegeln sie sich in einer Erweiterung und Vertiefung des Lebenswissens wider, wodurch es eher gelingt, eingetretene Verluste bzw. Verletzlichkeiten in einen umfassenderen existentiellen Kontext zu stellen.

Die dadurch erreichte Adaption des Anspruchsniveaus an die neu gegebenen Bedingungen stellen diese produktiven und kreativen Kräfte unter Beweis. Die Leistungen des Selbst bilden das Ergebnis eines erfolgreichen Verarbeitungs- und Bewältigungsprozesses, zu dem die Ressourcen beitragen, auf die das Individuum zurückgreifen kann. Hier sind solche Ressourcen zu nennen wie – körperliche, seelisch - geistige, ökonomische, Bildungsniveau, Netzwerkverbindungen und institutionelle Ressourcen – Zugänglichkeit und Qualität gesundheitsbezogener Dienstleistungen – sowie Verarbeitungs- und Bewältigungsressourcen, die sich über den Lebenslauf hinweg herausbilden konnten.

Des Weiteren ist auf die Zeitperspektive als Ressource zu verweisen, als sie den Lebensrückblick wie auch Überlegungen zur verantwortlichen Gestaltung der verbleibenden Lebenszeit fördert (Westerhof 2015).

Insofern führen gesundheitliche und sozioökonomische Einschränkungen nicht notwendigerweise zu geringerer Zufriedenheit und stärkerer Depression. Hier kann ein Verarbeitungs- und Bewältigungsprozess unter Nutzung bestehender Ressourcen angenommen werden, der die Anpassung des Individuums fördert und damit vor größeren Verlusten in der Zufriedenheit oder vor zunehmender Depression schützt.

Was funktionelle Beeinträchtigungen betrifft, muss darauf verwiesen werden, dass sie auf einer nicht rechtzeitig erkannten Verletzlichkeit oder einer nicht rechtzeitig erfolgten bzw. nicht ausreichend fachlich fundierten Intervention trotz Verletzlichkeit interpretiert werden können. In den unteren Sozialschichten, so Kruse, ist schon per se eine höhere Verletzlichkeit, die zudem später erkannt wird, zu beobachten, so dass Interventionen später ansetzen, wodurch die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus einer Verletzlichkeit eine Störung oder Schädigung entwickelt, noch einmal steigt.

Wichtig ist trotz erhöhter Verletzlichkeit, die Erhaltung oder Wiederherstellung eines selbst- und mitverantwortlichen Lebens im Alter, wobei unter Mitverantwortung der Zugang zum öffentlichen Raum und dessen aktive Mitgestaltung verstanden werden. Der öffentliche Raum beschreibt jenen Raum, in dem sich Menschen in ihrer Vielfalt begegnen, sich in Worten und Handlungen austauschen, etwas gemeinsam beginnen – dies im Vertrauen darauf, von anderen Menschen in der Einzigartigkeit des eigenen Seins erkannt und angenommen zu werden (Arendt 1960).

Nicht allein die soziale Integration ist für ältere Menschen bedeutsam, sondern auch das aktive Engagement, die Sorge für andere, insbesondere der nachfolgenden Generationen. Integration in Sorgestrukturen heißt hier ein mitverantwortliches Leben als Quelle subjektiv erlebter Zugehörigkeit, in denen nicht nur empfangen, sondern auch gegeben wird, in denen also ein wirklicher Austausch von Sorge besteht. Ältere sind insofern von einem umfassenden Produktivitätsbegriff aus zu sehen – Produktivität wird eben nicht mit Leistungen in der Arbeitswelt gleichgesetzt, sondern in jeder Form der Bereicherung für und mit anderen Menschen gesehen.

Kernaussage: Integration einer Verletzlichkeits-, Potenzial- und Sorgeperspektive im Alter. Im Alterungsprozess kann vom gleichzeitigen Auftreten von Verletzlichkeit im körperlichen oder kognitiven Bereich und Reife im seelischen – geistigen Bereich ausgegangen werden. Es gibt Potenziale, Ressourcen, die im Lebenslauf entwickelt wurden, die für die Integration Älterer und deren mitverantwortliche Gestaltung des öffentlichen Raumes genutzt werden sollten.

Literatur

Arendt, Hannah, 1960. Der Raum des Öffentlichen und der Bereich des Privaten, In: Dünne, J. & Günzel, Hrsg. Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 2006. S. 420-433. ISBN 978-3-518-29400-0

Kruse, Andreas, 2017. Lebensphase hohes Alter: Verletzlichkeit und Reife. Springer Verlag GmbH Deutschland. ISBN 978-3-662-50414-7

Staudinger, Ursula M., 2000. Viele Gründe sprechen dagegen, und trotzdem geht es vielen Menschen gut: das Paradox des subjektiven Wohlbefindens. In: Psychologische Rundschau 51. S. 185-197. ISSN 00333042

Staudinger, Ursula M. und Paul B. Baltes, 1995. Resilience and reserve capacity in later adulthood: Potentials and limits of development across the life pan. In: Chicetti, Dante & Donald J. Cohen, Hrsg. Development psychopathology. Bd. 2. Risk, disorder, and adaption. New York. ISBN 978-1-118-12179-5

Westerhof, Gerben J., 2015. Life review and life – story work. In: Susan K. Whitbourne, Hrsg. The encyclopedia of adulthood and aging. New York. ISBN 978-1-118-52892-1

 

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Andrea Schiff, Hans-Ulrich Dallmann: Ethik in der Pflege. UTB (Stuttgart) 2021. 238 Seiten. ISBN 978-3-8252-5587-9.
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